Glockengießen für St. Philippus im Pfarrverband Laim (Foto: Richard Berndt)
Glockengießen für St. Philippus im Pfarrverband Laim (Foto: Richard Berndt)

PH PV

Glocken für St. Philippus

Zusammen mit 50 Personen aus der Pfarrgemeinde St. Philippus bin ich am 21. Dezember mit einem Reisebus ins Neckartal gefahren. Wir waren unterwegs zu einem „Jahrhundertereignis“, einem archaischen Vorhaben. Der Glockenturm von St. Philippus sollte endlich, nach über 30 Jahren, Glocken bekommen.

Am 21. Dezember, einem Freitag, zur Sterbestunde von Jesus Christus, sollten im Neckartal bei der Firma Bachert vier Glocken für St. Philippus gegossen werden. Es regnete. Auf der Hinreise machten wir einen Zwischenstopp in Bad Windsen, einem kleinen Ort auf einem Hügel, mit Fachwerkhäusern, einer ehemaligen Kaiserpfalz. Nach der Einkehr und einer Stadtführung fuhren wir zu einem nahegelegenen Industriegebiet.

Wir gingen in eine der Fabrikhallen und wurden im Vorraum freundlich begrüßt. In der Fabrikhalle Halle stand ein riesiger, schwarzer großer, brodelnder Ofen, Flammen loderten aus seinem Hals und erhitzten den Raum. Vor dem Ofen war ein circa 40 qm großer eingestampfter Erdhügel, in den Sand waren Rinnen gegraben, die zu kaum erkennbaren runden Formen führten.

Wir Zuschauer standen von einem Absperrband geschützt um den Erdhaufen herum. Fast ehrfürchtig betrachteten wir das lodernde Feuer. Es dauerte eine Zeit bis jemand diese Stille durchbrach. Die Frau des Glockengießers begann laut zu beten. Langsam stiegen fünf große Männer in langen silbernen Aluminium Mänteln auf den flachen Erdhügel. Mit dicken Aluminium-Handschuhen warfen sie glühende Kohle in die Rinnen. Die Kohle wärmte die Rinnen und wurde nach einer gewissen Zeit wieder entfernt. Der Jüngste von den Männern holte einen Staubsauger kniete sich vor die Spur im Sand und begann sie zu säubern.

Dann kam der Glockengießermeister, er ließ aus dem Ofen etwas Zinn und Bronze auf die Erde fließen, prüfte die Konsistenz und schüttelte den Kopf. Jetzt wurde der Ofen stärker eingeheizt. Draußen wurde es bereits dunkel, die Flammen im Ofen loderten, es brodelte und gluckerte, fast drohte der Ofen zu zerspringen. Unsere Kinder gingen weiter weg vom Absperrband, ich suchte mit den Augen einen möglichen Fluchtweg.

Im Raum brannte kein Licht. Nur das Feuer vom Ofen beleuchtete alles, am Querbalkenvor dem Ofen war ein hölzernes Kruzifix. Wieder warteten wir, gefangen von diesem Ereignis und diesem Augenblick. Irgendwann kamen die großen Männer in ihren silbernen Mänteln wieder, wieder legten sie glühende Kohle aus, bereiteten einen angewärmten Weg für die flüssige Bronze und das Zinn. Sechs Glocken sollten gegossen werden, vier für St. Philippus und zwei für eine Kirche in Leipzig. Alle Glocken waren in diesem Erdhaufen vergraben. „Festgemauert in der Erden, steckt die Form aus Lehm gebrannt..“

Wieder nahm der Meister eine Probe, prüfte die Konsistenz und dann endlich, öffnete er eine Klappe im Ofen und die goldglühende Masse floss in die Rinnen, floss bis zu den eingegrabenen Glocken und in die Zwischenräume der Form, alles abgestützt von einer dritten Form, alles festgemauert. Manchmal loderte ein Feuer aus der Glockenform. Die Frau vom Glockengießer erklärte uns, was passiert. Der heiße Brei versank gluckernd in den Formen.

Am Ende wurde es im Raum dunkler, die Formen hatten die Flüssigkeit verschluckt, die Rinnsale kühlten bereits ab,  und wir begannen zu singen: Großer Gott wir loben Dich…. Dann verließen wir unsere Glocken, ließen sie alleine in der Erde zurück. Irgendwann werden sie vom Glockengießer und seinen Mitarbeitern ausgraben, die schützende Lehmhülle wird zerschlagen und erst dann wird sich entscheiden ob das Werk gelungen ist. Ob sich die viele Mühe gelohnt hat. Während das passiert sind wir alle schon lange wieder in München. Ob sie uns zuhause verstehen werden, ob sie zuhause die Glocken gut empfangen werden?

Werden die Glocken in St. Philippus eine willkommene Heimat finden? Sie werden vor Ostern angeliefert, Tod und Auferstehungszeit. Sie werden zur Auferstehung zum ersten Mal klingen - für alle hörbar, auch weit in die Nachbarschaft hinein.
Elisabeth Jatzeck

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