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„Der Missbrauch in der Kirche beschäftigt und betrifft auch Menschen bei uns im Pfarrverband.“

Pfarrvikar Ralph Regensburger im Gespräch mit der Redaktion von dialog aktuell.

Die Aufarbeitung des Missbrauchskandals der katholischen Kirche ist ein Prozess, der noch viel Zeit benötigen wird. Während gerade der sogenannte synodale Weg vorbereitet wird, macht sich aus unserem Pfarrverband Pfarrvikar Ralph Regensburger ans neue Werk: Er wird sich noch stärker als bisher in der Präventionsarbeit des Erzbistums einbringen.

Herr Regensburger, inwieweit spielt der Missbrauchskandal auch bei uns in Laim eine Rolle?

Der Missbrauch in der Kirche beschäftigt und betrifft auch Menschen bei uns im Pfarrverband. Es kommt vor, dass jemand von diesem Thema berührt ist. Wenn es medial stark präsent ist, werde ich auch hier viel darauf angesprochen. Viele Menschen wissen ja, dass ich in der Prävention tätig bin.

Was genau machen Sie künftig in der Präventionsarbeit?

Der Fokus meiner Präventionsarbeit liegt auf der Schulung der hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, das tue ich ja jetzt auch schon. Aber das wird noch etwas ausgebaut werden in Zukunft. Wir schulen alle Hauptamtlichen über ein E-Learning, das etwa 20 bis 25 Stunden umfasst. Diese Fortbildung geht von „Wie erstelle ich ein Schutzkonzept“, über Täterstrukturen bis hin zu der Frage, welche Ansätze es nach einem vollzogenen Missbrauch gibt.

Was sind das für Ansätze?

Da geht es darum, was es für Mechanismen gibt, welche traumatisierenden Folgen es haben kann. Auch ohne jeden zum Therapeuten zu machen, muss jede und jeder Hauptamtliche wissen, dass es das gibt und wie sich das auswirkt. Diese Schulungen werde ich in der Hauptsache machen.

Es geht also vor allem um virtuelles Präventions-Training am Computer?

Neben der Computerschulung gibt es zu Beginn und am Ende eine Veranstaltung mit persönlicher Präsenz, Teilnehmerinnen und Teilnehmer bekommen dann bei bestandender Schulung ein Zertifikat, das auch in die Personalakte aufgenommen wird. Darüber hinaus werde ich auch in der Schulung von Ehrenamtlichen sein und in manchen diözesanen und überdiözesanen Gremien sitzen. Prävention ist ein ganz breites und unübersichtliches Feld. Prävention heißt erst einmal ein bisschen die Laus im Pelz zu sein. Und Fragen zu stellen, warum ist das so. Hinzuweisen, hinschauen, unbequem sein. Dieses Missbrauchsthema hat viel damit zu tun, dass uns verschiedene Verhaltensmuster und Strukturen in Fleisch und Blut übergegangen sind nach dem Motto: ‚Das war schon immer so.‘

Viele Menschen sprechen Sie aber auch kritisch an, warum Sie diese Tätigkeit machen. Was sind die Gründe für die Kritik?

Der erste Grund liegt sicher in der Frage ‚warum macht diese Aufgabe ein Priester?‘ Dahinter steht bei Vielen vielleicht die Sorge, dass es ja „sowieso schon zu wenige Priester gibt. Und dann wird auch noch ein Priester abgezogen. Das bedeutet ja für eine Pfarrei oder einen Pfarrverband weniger priesterliche Versorgung. Unter der Woche werde ich in Zukunft sehr wenig in der Pfarrei präsent sein, ich kann keine Werktagsmessen mehr feiern, weil ich im Bistum unterwegs bin. Das bedauern viele Gläubige. Andererseits kommt auch die Frage, wieso ein Priester, weil Priester bisher oft mehr der Tätergruppe zugeordnet waren. Das erscheint Manchen undurchsichtig. Aber dazu muss man sagen, das ganze Team besteht ja nicht nur aus einem Priester, sondern ist mit einem Sozialarbeiter, einer Pädagogin, einer Theologin, einer Therapeutin und mir als Priester wirklich ein multiprofessionelles Team, das aus unterschiedlichen Perspektiven auf konkrete Situationen schauen kann.

Aus welchem Grund engagieren Sie sich in diesem doch sehr schwierigen Themenfeld?

Meine Tätigkeit hat viel zu tun mit der eigenen Geschichte. Ich war 2010 Pfarradministrator in Hohenpeißenberg im Dekanat Rottenbuch, zu dem das Kloster Ettal gehört. Da war ich von 2009 bis 2011. Und im März 2010 ist die Bombe in Ettal hochgegangen. (Anmerkung der Redaktion: Damals kam ans Tageslicht, dass im Internat der Benediktinerabtei über Jahrzehnte Schüler körperlich misshandelt und sexuell missbraucht worden waren). Ich war mit der Sache von Anfang an irgendwie verbunden, wurde vor Ort als Priester erkannt und teilweise auch unschön angegangen. Weil ich ja jemand von der Kirche bin. Das hat auch mit meiner Identität als Priester etwas gemacht, hat auch mich in Misskredit gebracht. Damit war ich mit dem Thema beschäftigt.

Denken Sie, die katholische Kirche hat das Problem verstanden?

Ob das Ausmaß des Missbrauchskandals überall verstanden wurde, da würde ich ein klares Jein sagen. Wenn es um die Großwetterlage geht, dass Missbrauch entsetzlich ist, das ist überall angekommen. Solange es nicht vor der eigenen Haustür ist. Wenn Menschen sich aber darauf einlassen müssen, was ist sexueller Missbrauch und was begünstigt Missbrauch in der Kirche, geht man an eine Schamgrenze ran. Es wird dann auch manche Schieflage in der Präventionsarbeit deutlich: So gibt es Pfarrverbände wie hier, wo Haupt- und Ehrenamtliche sehr wohl verstanden haben, was es bedeutet, den sexuellen Missbrauch inmitten der Kirche als Thema zu haben. Ob das in allen Winkeln der Kirche und der Diözese verstanden wurde, kann ich nicht sagen.

Die Bischofskonferenz hat den synodalen Weg eingeleitet, um verlorenes Vertrauen wieder aufzubauen. Befürworten Sie diese Methode?

Ich halte viel vom synodalen Weg, wenn man dem Wort Glauben schenkt, dass man gemeinsam etwas erarbeitet. Ich bin allerdings verhalten optimistisch, weil ich glaube, dass die notwendige Konfliktfähigkeit bei den Bischöfen nicht vorhanden ist. Es gibt immer noch Bischöfe, die in Fragen, für die sie selbst Kompetenzen hätten, im Zweifel Briefchen an den Papst schreiben. So etwa im Fall der wiederverheiratet Geschiedenen. Der Papst verweist dann wieder ohne Entscheidung zurück, und so geht nichts weiter, dann blockieren sich zwei Lager. Wenn man sich ständig in Rom rückversichern will, weiß ich nicht, wieweit der synodale Weg wirklich gehen kann. Das ist meine persönliche Einschätzung.

Wie geht es nun mit Ihnen persönlich hier im Pfarrverband weiter?

Die meisten werden mich nach wie vor weiter in den Sonntagsgottesdiensten erleben, ich werde auch weiter die Sakramente spenden, soweit das mein Zeitkontingent hergibt. Ich bleibe nach wir vor Koordinator der Erwachsenenbildung und werde auch Wortgottesfeierleiter, die Lektoren und Kommunionhelfer in Fortbildungen begleiten. Das Feiern der Werktagsmessen und die tatsächliche persönliche Präsenz wird weniger werden. Unter der Woche bin ich vor allem in der Innenstadt und vielfach auch im Bistum und in überdiözesanen Gremien unterwegs.

Das Gespräch mit Pfarrvikar Ralph Regensburger führte Ralf Isermann.

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