Ehrenamtliche und Kinder der Hausaufgabenbetreeuung (Foto: M. Brehmer)


Die „HTS-Kids“ – Ehrenamtliche Betreuung von Kindern und Jugendlichen in der Flüchtlingsunterkunft an der Hans-Thonauer-Straße in Laim

Eine Bundeskanzlerin hat´s nicht leicht: Sie muss unendlich viele Reden halten – und kaum einer merkt sich davon etwas! Doch Angela Merkel hat das Kunststück vollbracht, am 31. August 2015 während der sogenannten „Flüchtlingskrise“ drei Wörter auszusprechen, die inzwischen jeder in Deutschland kennt: „Wir schaffen das!“ Und dass gerade auch in Laim bis heute in besonderer Weise dieser Satz ernst genommen wird, hat Michael Brehmer, Mitglied im Helferkreis des Pfarrverbands Laim in dem folgenden Beitrag an genau diesen drei Wörtern verdeutlicht.

 

1. „Das“

Seit August 2016 leben etwa 290 Schutzsuchende, sowohl Familien und alleinstehende Frauen mit Kindern und Jugendlichen als auch alleinstehende junge Männer, in der damals neu errichteten Flüchtlingsunterkunft an der Hans-Thonauer-Straße (= HTS). Sie kommen größtenteils aus Syrien, Afghanistan, Pakistan und dem Iran, aber auch aus Aserbeidschan, aus Somalia und anderen Ländern, in denen ihr Leben und ihre Gesundheit bedroht waren und noch immer sind. Betreut werden sie in dieser Unterkunft von Mitarbeitenden der Asylsozialberatung von Caritas-Alveni und von vielen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern, organisiert im „Helferkreis Tübinger- und Hansastraße“ sowie im „Helferkreis des Pfarrverbandes Laim“.

Alle diese Bewohner in der HTS brauchen in vielfältiger Form Hilfestellung, Unterstützung und Beratung. Und die Betreuung und Unterstützung der in dieser Unterkunft lebenden Kinder und Jugendlichen, die je nach Deutschkenntnissen entweder in Übergangsklassen oder in Sprengelschulen unterrichtet werden, ist ein besonders wichtiges Anliegen! Für diese „Kids“ gibt es in der Unterkunft eine eigene hauptamtliche Betreuung, daneben aber auch ein in der HTS tätiges ehrenamtliches „Hausaufgabenteam“, das jetzt genauer vorgestellt werden soll!

Der Innenhof in der Hans-Thonauer-Straße

2. „Wir“

Dieses Hausaufgabenteam ist eine quer durch alle Altersgruppen gehende, in Anzahl und Zusammensetzung im Lauf der Zeit öfter wechselnde bunte und kreative Mischung aus meist über 20 Helferinnen und Helfern (im Folgenden der Einfachheit halber „Helfer“ genannt), darunter ehemalige und aktive Lehrkräfte, Berufstätige und „Ruheständler“ aus vielen anderen Bereichen, Mütter (z.T. unterstützt von eigenen größeren Kindern), Studenten sowie Schülerinnen und Schüler, die sich schon bald nach dem Einzug der Schutzsuchenden in die HTS zusammengeschlossen haben, um diesen Kindern und Jugendlichen und deren Müttern und Eltern zu helfen. Seit einigen Jahren gibt es zudem dank einer Initiative des dortigen Elternbeirats eine intensive Zusammenarbeit mit dem Erasmus-Grasser-Gymnasium. Dadurch wurde und wird das Team zusätzlich durch weitere Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler sowie durch Projekte wie z. B. ein eigens für diese Zusammenarbeit eingerichtetes sog. „P-Seminar“ des EGG unterstützt.

Doch was passiert da genau in der Arbeit dieses Hausaufgabenteams? Hier muss man nun deutlich unterscheiden zwischen den „Zeiten vor Covid19“ und den jetzt aktuellen Bedingungen:

3. „Schaffen“

Wir befinden uns in „normalen Zeiten“ und es ist 15.00 Uhr an einem normalen Schultag. Vor den beiden Hausaufgabenräumen in der HTS entsteht schon ein kleiner Stau von Schulkindern aller Jahrgangsstufen, die freudig auf die in der Regel drei bis fünf Hausaufgabenhelfer warten, die jeweils von Montag bis Donnerstag in festen Teams nun zwei Stunden für die „Kids“ da sein werden! Freudig? Bei Hausaufgaben??? Ja, denn für diese Kinder und Jugendlichen sind Lernen und Hausaufgaben machen nicht nur eine oft echte und anspruchsvolle Herausforderung, sondern meist auch etwas, was ihnen Spaß und Freude bereitet und den Kids während der Ferien als Abwechslung im Alltag der HTS tatsächlich spürbar fehlt!

Wenn dann jeder seinen Platz in den beiden Räumen eingenommen hat, die allerwichtigsten Neuigkeiten des Vormittags ausgetauscht und die Zuordnung zu den Helfern (jeder betreut manchmal nur eines, meistens aber 2-3 Kinder) erfolgt ist, dann beginnt die Hausaufgabenhilfe und damit auch die vielfältige Herausforderung an uns Helfer: Leise ist es oft nicht, denn je nach persönlichem Temperament und individuellem Mitteilungsbedürfnis der Kids werden Fragen und Erfolgsmitteilungen natürlich meistens laut vorgetragen, Lösungen gerne schon mal vorab der gesamten Runde verraten und zwischendurch dann weitere Neuigkeiten des Vormittags ausgetauscht.

Aber mit Geduld und Gelassenheit der Helferinnen und Helfer wird die notwendige Ordnung dann doch wieder (einigermaßen) hergestellt - und schon bauen sich neue Schwierigkeiten auf: Wer glaubt, dass man als Erwachsener einfach so „mit links“ die Mathematikhausaufgabe eines Achtklässlers der Mittelschule lösen kann oder in HSU einen Sachtext zum Thema „Fotosynthese der Pflanzen“ auf Anhieb verstehen soll, ganz zu schweigen von den speziellen Anforderungen einer Englisch- und Lateinhausaufgabe (auch die gibt es für die Kids der HTS), der ist gerne eingeladen, zu uns zu kommen, um sich eines Besseren belehren zu lassen! Und wer die „Königsklasse“ der Hausaufgabenhilfe erreichen will, kann sich ja schon mal überlegen, wie man den Kindern erfolgreich die Logik deutscher Grammatik erklären (die Frau (weiblich) – das Mädchen/Fräulein (sächlich) – der Feminismus (männlich) und letzteren Begriff dann auch noch einer 15-jährigen Schülerin aus Syrien erläutern kann! Denn logisch denken können die Kids, und wie: „Alle Dinge sind Sachen, oder? Dann ist „der Hammer“ und „die Zange“ falsch!!!“ (Originalzitat einer Drittklasslerin). Da wird einem erst richtig klar, welche Leistung Kinder und Jugendliche der HTS, die teilweise erst seit wenigen Jahren unsere deutsche Sprache lernen, in ihren Schulen bringen!

Hausaufgabenbetreuung 1:1

Vor „Covid 19“ gab es aber noch viele weitere Aktivitäten im Kreis des Hausaufgabenteams:

Neben individueller Einzelbetreuung von Kindern mit besonderem Bedarf an Unterstützung, teilweise auch an Wochenenden und in Ferien, wurde auch ein zusätzliches Freizeitangebot organisiert. Ausflüge in den Tierpark Hellabrunn und zum Wildpark Poing in den Ferien (dank intensiven Fütterns durch unsere Kids haben die Tiere dort gefühlt an einem Tag mindestens zwei Kilo zugenommen!), Adventsbasteln und Ostereier bemalen, die jährliche Nikolausfeier (mit dem inzwischen legendären Nikolaus aus unseren Reihen), die Organisation der Teilnahme der Kids an Ferienangeboten der Stadt München und nicht zuletzt das wirklich sensationelle Festessen mit selbst zubereiteten Spezialitäten aus den jeweiligen Heimatländern, zu dem die Mütter und Väter der Kids uns Helfer jedes Jahr einmal als Dankeschön eingeladen haben – all dies ist nur ein Ausschnitt dessen, was zusätzlich „geschaffen“ wurde!

Advent in der Hausaufgabenbetreuung

„Covid19“ hat die Situation nun seit Februar 2020 allerdings deutlich verändert:

Unser Team ist jetzt selbstverständlich an die für die Unterkunft geltenden Hygiene- und Abstandsregeln gebunden, die Hausaufgabenbetreuung erfolgt, wenn überhaupt möglich, aktuell in festgelegten Kleingruppen und die Helfer, deren Zahl momentan auch stark eingeschränkt ist, stehen vor völlig neuen Aufgaben und Problemen: Schon während der Schulschließungen im „1. Lockdown“ ab Februar 2020 zeigte sich, dass die meisten Kids keine ausreichende technische Ausstattung in Form von Notebook oder Tablets hatten, um am digitalen Unterrichtsangebot der Schulen teilzunehmen! So musste die Beschaffung von gebrauchten, aber auch die Anschaffung neuer Geräte und „Antragsformalitäten“ für deren Bezuschussung organisiert werden.

Aus Gründen des Hygieneschutzes von der Stadt München verhängte zeitweise Betretungsverbote für Ehrenamtliche in der HTS führten zu von der Caritas erlaubten schulischen Betreuungsangeboten für einzelne Kinder auf Spielplätzen (auch bei Regen!). Das Hausaufgabenteam erstellte eine umfangreiche digitale „Spaß- und Spielewand“, um den Kids wenigstens ein bisschen Abwechslung im Freizeitbereich anzubieten – und um dann feststellen zu müssen, dass die W-LAN- Ausstattung der Unterkunft durch die Stadt München bis heute die Wohneinheiten der Kinder kaum erreicht! Auch im jetzigen „Lockdown“ mit den derzeitigen erneuten Schulschließungen ist es für viele Kids kaum möglich, an digitalen Angeboten der Schulen und an zusätzlichen Lern-und Übungsplattformen wie „Anton“ oder „Schlaukopf“ in ihren Wohneinheiten teilzunehmen! Wir Helfer fungieren auch jetzt teilweise wieder als „radelnde Boten“, die Arbeitsblätter von den erneut geschlossenen Schulen abholen und an die Kids weitergeben, können aber momentan unsere eingeschränkte Hilfe „vor Ort“ weiter anbieten.

Ferien- bzw. Freizeitangebote für die Kids sind seit vielen Monaten natürlich von unserer Seite auch nicht mehr möglich! Bei all diesen Schwierigkeiten muss aber an dieser Stelle deutlich betont werden, dass die Zusammenarbeit mit der Leitung der Unterkunft HTS und den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Caritas-Alveni auch in diesen schwierigen Zeiten tadellos funktioniert, wir Helfer auch hier eine große Wertschätzung vorfinden und die derzeitigen Probleme bzw. deren Lösung tatsächlich in der Verantwortung der übergeordneten behördlichen Instanzen liegen!

4. Ausblick

Nicht nur die derzeitige durch „Covid19“ bedingte Situation macht unsere Arbeit momentan wesentlich schwieriger, sondern uns beschäftigt natürlich schon länger auch die Tatsache, dass gemäß dem Bebauungsplan für das Areal an der Zschokke-/Westendstraße, auf dem sich die Unterkunft befindet, die HTS zunächst nur bis 2020 geplant war. Diese Frist wurde zwar nach derzeitigem Stand verlängert, aber angesichts der aktuellen internationalen Flüchtlingssituation ist es für uns nicht vorstellbar, dass diese Unterkunft in den nächste Jahren geschlossen werden kann, zumal sie wie auch die Unterkunft in der Elsenheimerstraße ein gelungenes Beispiel für erfolgreiche Integration von Schutzsuchenden darstellt.

Wenn Sie, vor allem auch in der „Zeit nach Covid19“, Interesse an einer aktiven Unterstützung von Schutzsuchenden in der HTS oder in der Unterkunft in der Elsenheimerstraße haben, können Sie gerne die folgenden Adressen kontaktieren und Informationen über die dafür erforderlichen Bedingungen und Voraussetzungen einholen:

Helferkreis Tübinger und Hansastraße
https://helferkreis-tuebinger-und-hansastrasse.traum-verleih.de/

E-Mails:

helferkreis-hts(at)t-online.de
HK-Elsenheimer(at)t-online.de

Der Autor:
Michael Brehmer (für das Hausaufgabenteam der HTS)

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