In Zeiten von Corona: Persönliche Eindrücke aus dem Seelsorgeteam

Wie geht es eigentlich unseren Seelsorgern und Seelsorgerinnen in diesen Zeiten? Welche Erfahrungen machen sie ohne Gottesdienste, ohne direkten Kontakt mit den Gläubigen? Was fällt ihnen schwer und welche Hoffnung haben sie für die Zeit nach der Corona-Krise? In den nächsten Wochen veröffentlichen wir hier ihre Antworten auf diese und mehr Fragen.

Gemeindereferentin Sr. Mareile Hartl:

So geht es mir gerade…

Corona hat das Leben verändert. Fast nichts läuft gerade wie vorher. Ich habe noch nie so viel telefoniert wie in den letzten Wochen, um Kontakte aufrecht zu halten und oft einfach nur zuzuhören. Ich habe noch nie so viele Mails bekommen und ich habe notgedrungen gelernt mit Videokonferenzen und Homeoffice zurecht zu kommen.

Geistlich deute ich diese Zeit für mich als verlängerte Fastenzeit, eine Phase der Einschränkung und des Verzichts aber auch der Besinnung auf Wesentliches und Gelegenheit Dinge zu ordnen oder neu zu gewichten. Der Begriff der Krise vom griechischen „krisis“ bedeutet ja auch Wendepunkt. Krise kann eine Chance zum Besseren sein. Das motiviert mich.

Das fällt mir persönlich schwer…

Dieses allgegenwärtige „Bitte Abstand halten“. Manche meiner Arbeitsbereiche leben ja besonders ausdrücklich von persönlichem Kontakt und von menschlicher Nähe. Da ist die virtuelle Welt in keinster Weise ein Ersatz für echte Begegnung. Bestenfalls sind Notlösungen möglich wie das Begleitgespräch am Telefon oder das Verschicken von Atemübungen und Gebetstexten.

Letzte Woche hatte ich ein Telefongespräch mit einer älteren Frau, die immens an Einsamkeit und der Trennung von ihren Angehörigen leidet. Da konnte ich nur sagen: Und wenn uns keiner mehr umarmt, Gott umarmt uns immer. Manchmal kann so ein Schmerz eine Einladung nach innen und in´s Beten sein. Aber manchmal will er einfach nur in seinem ganzen Ausmaß gespürt und mitgeteilt werden.

Das bewegt mich in unserem Pfarrverband…

Ich nehme eine große Gleichzeitigkeit wahr: Da gibt es auf der einen Seite Menschen, die es gerade richtig schwer haben. Da weiß ich zum Beispiel von Familien und Lebensgemeinschaften die die Enge der Ausgangsbeschränkungen kaum noch aushalten, Menschen, die um ihr finanzielles Auskommen bangen, Alleinerziehende, die immens belastet sind oder Ehrenamtliche, denen es wirklich wehtut, „ihre“ Flüchtlinge in den Unterkünften oder „ihre“ Senioren in den Heimen nicht mehr besuchen zu dürfen. Auf der anderen Seite sind da die, die plötzlich mehr Zeit haben weil das Hamsterrad der Betriebsamkeit und Arbeitsüberlastung langsamer läuft.

Eine Frau sagte mir kürzlich am Telefon: Ohne Corona wäre ich wahrscheinlich im Burn-out gelandet. Jetzt habe ich endlich mal eine Pause. Ich denke, beide Seiten gilt es zu würdigen und auch wirklich ernsthaft hinzuschauen, was sie uns jeweils sagen wollen… In den letzten Tagen seit der Lockerung der Ausgangsbeschränkungen bewegt mich unsere Planungsunsicherkeit.

Ich bekomme immer wieder Anfragen ab wann die ausgeschriebenen Veranstaltungen wieder stattfinden oder ab wann unsere Gebetsgruppen und andere Gruppen wieder mit ihrer Arbeit beginnen dürfen. Da stehen viele in den Startlöchern. Aber wir brauchen jetzt Geduld und können uns alle zusammen nur sehr langsam tastend voranbewegen. Ehrenamtliche und hauptamtliche Seelsorger sitzen da in einem Boot.


Das macht mir Hoffnung und das sollte nach Corona bleiben...

Als ganzjährige Radlerin freut es mich ungemein, die vielen Radler und Spaziergänger in der Stadt und in den Parks zu sehen. Und es sind deutlich weniger Autos auf den Straßen. Ich wünsche mir sehr, dass davon auch nach Corona etwas bleibt. Für die eigene Gesundheit und vor allem gegen den Klimawandel. - Ich freue mich über die vielfach sehr große Solidarität und die kreativen Ideen der Nachbarschaftshilfe im Pfarrverband. Ich freue mich über die Wertschätzung der Frauen und Männer in schlecht bezahlten Berufen.

Mögen wir beides auch nach Corona nicht mehr vergessen und weitere Taten folgen lassen. - Ich bekomme auch mit, dass der Schmerz keine gemeinsamen Gottesdienste feiern zu können und auf gewohnte Veranstaltungen verzichten zu müssen bisweilen schönes bewirkt. Da stellt sich einer die Frage nach der persönlichen Gottesbeziehung und macht sich auf die Suche nach Internetexerzitien. Da entdeckt eine das Bibellesen für sich und eine andere merkt dass das Meditieren daheim und mitten im Alltag durchaus auch eine Qualität hat.

Für mich sind die doch immer wieder mal zu sehenden brennenden Kerzen in den Fenstern unserer Stadt ein Symbol für das Licht das da und dort mitten in der Krise aufleuchtet und dafür, dass Kirche auch in unseren Häusern stattfindet.

Kontakt:
Sr. Mareile Hartl

E-Mail: MHartl(at)ebmuc.de
Tel.: 089/74494944

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